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Seit einer ganzen Weile wollte ich schon auf einen Themenschwerpunkt hinweisen, den das Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB) in der BWP-Ausgabe 2/2010 anbietet. Dieser nennt sich „Bachelor und Berufsbildung“ und beinhaltet, wie man es sich bereits denken kann, aktuelle Überlegungen zur Bologna-Reform. Leider sind die aktuellen Hefte kostenpflichtig, sodass ich bisher nur auf Ausführungen von Fritz Böhle verweisen kann, die er uns (d.h. den Mitgliedern des Netzwerks Ökonomie & Bildung e.V.) dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat. In seinem Aufriss des Themenfelds fragt er: „Kann die höhere Bildung von der beruflichen Bildung lernen?“ Da ich selbst eine Berufsausbildung absolviert habe (Industriekauffrau), finde ich diese Frage naturgemäß sehr spannend und halte sie angesichts des typischen Vorwurfs an die Bologna-Reformen, eine Ausbildungsgesellschaft zu produzieren (siehe dazu auch ein etwas älteres Essay von Preisendörfer), für durchaus aktuell.

Nun versucht Böhle in seinen Überlegungen die Brücke zu schlagen zwischen dem, wie man in der (dualen) Ausbildung lernt und dem, was Ziel eines universitären Studiums sein soll. Eingangs betont er dabei, dass „[d]ie Forderung nach mehr Anwendungsbezug höherer Bildung beispielsweise im Rahmen der Umstellung auf Bachelorstudiengänge […] nicht schlicht dadurch einlösbar [ist], dass allgemeines, wissenschaftlich begründetes Wissen auf bestimmte Anwendungsbereiche hin konkretisiert und spezifiziert wird“ (ebd., S. 6). Im Gegenteil: Vielmehr sei es wichtig, wissenschaftlich begründbares Wissen um solches Wissen zu ergänzen, was zur Re-Kontextualisierung von Fachwissen befähige und über Disziplinenwissen hinausgehe.

Diesem Kontext- oder auch Handlungswissen wird in der beruflichen Bildung seit längerer Zeit hohe Bedeutung zugemessen (z.B. im Rahmen der Kompetenzdebatte), sodass sich der Seitenblick der höheren (akademischen) Bildung auf die Berufsbildung durchaus lohnt und sich für die höhere Bildung ergibt: „An die Stelle einer immer stärker anwendungsorientierten Ausrichtung höherer Bildung müsste das Schwergewicht eher auf einer Ergänzung durch die Konfrontation mit konkreten Problemstellungen in der Praxis liegen.“ (ebd., S. 7) Um auch für den Wissenschaftsbetrieb entsprechende Relevanz zu erreichen, komme dem Prozess der Objektivierung und der Reflexion eine entsprechend hohe Rolle zu.

Nimmt an diese Überlegungen zum Ausgang, ist es nicht weiter verwunderlich, dass dem Erfahrung-Machen innerhalb und außerhalb der Institution Hochschule ein höherer Stellenwert beigemessen wird. Interessant und insofern anders als in gängigen Publikationen zum Kompetenzerwerb in Bachelorstudiengängen ist allerdings der Schluss, der hieraus gezogen wird: Nach Ansicht von Böhle geht es nicht darum, universitäre Lehre praxisorientierter zu gestalten. Vielmehr fordert er ein, „die“ Praxis als eigenständiges Lernfeld zu begreifen, um das erfahrungsgeleitete Lernen an der Hochschule zu fördern und gleichzeitig die Kernmerkmale von Hochschule beizubehalten, denn: „Der von Unternehmen und Politik geäußerte Wunsch, durch das Studium dem Arbeitsmarkt möglichst passgenau berufliche Qualifikation zur Verfügung zu stellen, ist im Rahmen des Lern- und Bildungsorts Hochschule nicht möglich und verkennt zugleich dessen zentrale Aufgabe und Möglichkeit: die Vermittlung wissenschaftlich fundierten Wissens sowie die Entwicklung von Reflexionsfähigkeit und der Fähigkeit zu wissenschaftlich orientierter Analyse.“ (ebd., S. 9)

Wer sich intensiv mit den Reformen von Bologna auseinandersetzt, dem sei die Lektüre des gesamten Artikels empfohlen; die Ausführungen sind mitunter komplex, aber dennoch sehr gut nachvollziehbar. Natürlich könnte man jetzt neue „Fässer“ aufmachen, nämlich z.B. die Frage stellen, ob die duale Ausbildung tatsächlich ein System mit Vorbildcharakter sei. Dieses Fass möchte ich aber nicht aufmachen – nur so viel sei gesagt: Das duale System funktioniert prinzipiell gut und aus meiner Sicht müsste man – im Falle der Übertragung der zentralen Prinzipien auf die Hochschule – vor allem eine gute Anbindung beider Kontexte (Theorie/Praxis) gewährleisten. Hierzu wäre die Hochschule mit den ihr innewohnenden Akteuren prinzipiell in der Lage, dennoch müsste auf Seiten der Lehrenden (wie auch auf Seiten der Studierenden) wohl einiges an Umdenken stattfinden. Denn Konflikte um das Verhältnis von Theorie und Praxis an der Hochschule sind ja nicht gerade neu oder erst mit Bologna auf den Tisch gekommen.

Böhle, F. (2010). Kann die höhere Bildung von der beruflichen Bildung lernen? Die Verbindung von institutionalisiertem Lernen und praktischen Tun eröffnet neue Lernfelder und -orte. BWP, 2010 (2), 6-9.

Sonntag, 7.00 Uhr. Der Wecker klingelt – aufstehen! Irgendwas muss da schief gelaufen sein. Es ist Sonntag! Und es ist 7.00 Uhr. Warum, zum Himmel, muss ich aufstehen? Kurze Zeit später kommts mir: Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin! Schnell unter die Dusche gesprungen, die letzten Sachen von der Wäscheleine genommen und schwups ins Auto… nach Augsburg. Die Crew und das Hasi warten schon. Wer zum Himmel hat sich eigentlich ausgedacht, dass wir die Medida-Sache ernst nehmen und einen fetten Messestand durch die Republik schleppen? Hm, ich fürchte, ich bin nicht ganz unschuldig daran. Okay, Spruch besser weglassen. Lieber den Rest ausdrucken. Mist, auch das noch: Der Toner schmiert. Nach Plan A jetzt also Plan B: Copyshop. Dass wir auch immer bis zuletzt an den Präsis sitzen müssen. Wird schon… irgendwie.

Später, viel später, auf der Autobahn bei Leipzig. Es ist Stau und wir brauchen dringend ne Pause. Zum Glück kommt bald nen Parkplatz. Wo die anderen wohl sind? Das Auto abgestellt, aufs Klo gehüpft, dann Fata Morgana: ein blaues Auto! Die Jungs? Nein, das kann nicht sein – die sind bestimmt schon viel weiter! Vielleicht sind es doch die Jungs? Es sind die Jungs! Zufälle gibts. Und da drüben: ein Eismann. Der ahnt nicht, dass er heute das Geschäft seines Lebens macht. Oder doch? Einmal Vanille bitte. Danach Hexhex im Minutentakt: Wie heißt noch mal die Straße, in der wir wohnen? Wo treffen wir uns heute Abend? Und was ist das Hamy? Schöne, neue Welt.

Montag, 9.05 Uhr. In Hotels mit Etagenduschen fehlt definitiv die Werbung für Flipflops und Adiletten. Auch der Osram-Vertreter würde in den schweren Zeiten nach der Glühbirne neue Märkte entdecken. Vom Potenzial für Rohrreiniger und Milchlieferanten ganz zu schweigen. Auch sie hätten ihre wahre Freude… Aber ich schweife ab. Gleich ist E-Learning 2009.

Auf der Tagung angekommen, kommen auch die Schlotterknie. Okay, vielleicht nicht beim Thementisch. Da wissen wir immerhin sehr genau, was wir tun, wofür wir stehen und wie wir auf kritische Nachfragen reagieren. Also meistens jedenfalls. Aber es kommt ja immer anders als man denkt. Außerdem sind wir hier nicht an der Uni: Kam doch tatsächlich die Frage auf, ob wir nicht das Thema weiter vertiefen und überziehen können. Schöne, heile Welt. Beim Essen haben wir uns dann schnell verzogen – nötig haben wir es, so die Osnabrücker. Gelächter. Denn die halbe Pizzaria besteht aus Teilnehmern der E-Learning 2009. Zum Glück twittern sie es nicht gleich, denke ich noch. Und wir üben bis 1.00 Uhr – Medida – was sonst?

Am nächsten Tag dann der große Auftritt. Und zwar gleich zweimal. Bei aller Vorbereitung auf die Medida-Präsentation und auf die potenziellen Standgespräche wäre ich fast darüber hinweggekommen. KaffeePod, ja, der Launch steht an. Auch wenns komisch klingt: Ich war ganz froh über die Ablenkung! Und der Vortrag lehrt mich, einfach keine Notizen mehr zu machen. Und er lehrt mich auch, dass wir ernst genommen werden. Kommt tatsächlich später jemand am Messestand vorbei und sagt, dass er den KaffeePod gern kopieren würde. Ich hätte schließlich gesagt, Kopieren sei erlaubt. Er bleibt nicht der Einzige.

17.30 Uhr und ein paar Zerquetschte – Silvia und Mandy schreiben uns beinahe gleichzeitig auf Facebook, dass das Mikro im Raum der Medida-Hearings trotz Pause bereits an ist. Ups. Zu spät jetzt. Naja, Schlimmes haben wir nicht gesagt. Nur die Choreografie geklärt. Denn die Bestuhlung ist – sagen wir mal – suboptimal. Und als hätten wir es vorher geahnt – im Vortrag würdigen wir der Jury keines Blickes. Positiv sagen könnte man: Die ganze Aufmerksamkeit gilt dem Publikum. Obs Zufall ist, dass dieser Eindruck sich in der morgigen Preisvergabe widerspiegelt?

Am Mittwoch dann der Besuch der Medida-Jury am Stand – ein letztes Mal konzentrieren – Vollgas geben. Wir haben das Gefühl, ganz Augsburg steht hinter uns. Denn neben Twitter hat sich auch eine Parallelwelt in Facebook etabliert. Alle Nase lang neue gute Wünsche. Und erst die Innofantenbrandung im Sturm! Um 11.30 Uhr wird die Lage dann entspannter. Auch wegen der T-Shirts, die wir endlich ausziehen können.

Am frühen Nachmittag plötzlich große Aufregung: Wolfgang Neuhaus twittert „Liebe Jury, Wir sind alle für Augsburg!“ Ein kurzes Grinsen macht sich breit. Aber wer ist eigentlich alle? Und lässt sich die Jury beeinflussen? Wohl kaum…

Hätte ich um 16.35 Uhr den Presseverteiler des BMBF abonniert, hätte sich die ganze Spannung an dieser Stelle bei uns gelegt. Denn mit einer Pressemitteilung werden Journalisten über den Ausgang des Medida-Prix informiert. Gesprochen, geschweige denn geschrieben werden darf darüber noch nicht. Ein Embargo – durchaus nicht unüblich, um den Redaktionsschluss zu erwischen. Aber einmal mehr weiß die Presse (und lustigerweise auch der Pressesprecher der Uni Augsburg) vor den Preisträgern vom Gewinn. Gratulationen treffen bereits vor der Verleihung per Mail ein. Seltsam irgendwie.

Doch zum Glück hat uns niemand vorab informiert. So haben wir uns kräftig über den Publikumspreis gefreut. Und über den Ausgang des Medida-Finales bis in die frühen Morgenstunden mit vielen Beteiligten diskutiert. Sorry, falls wir da irgendwem das Ohr abgeknabbert haben.

Das Klassentreffen geht schließlich mit spannenden Gesprächen, leckerem Essen und in lockerer Runde am Donnerstagmittag zu Ende. Und auch mit Plänen für das kommende Jahr. Dazu bald mehr. Denn heute wird erst mal gewaschen wie die Weltmeister. Wie sich der Kreis schließt.

Warum dieser etwas andere Rückblick? Weil ich nicht über Keynotes und Sessions sprechen kann, da ich wegen der Konzentration auf den Medida-Prix nur wenige Vorträge selbst miterlebt und lediglich die abschließende Podiumsdiskussion live gesehen habe. Ich musste mir also meine Meinung über Gespräche und Blogs, vor allem aber über Twitter bilden. Dass das bisweilen verkürzend und/oder polarisierend sein kann, haben spätestens jetzt alle gelernt. Wer auf inhaltliche Einschätzungen jedoch nicht verzichten will, kann dies z.B. bei Gabi (Teil 1 und Teil 2), Mandy und Matthias, Michael Kerres oder Joachim Wedekind nachholen.

Moment mal. Bisher haben wir doch immer von E-Learning gesprochen. Und auf einmal heißt es Ihh-Learning – was ist da schief gegangen? Haben unsere ganzen Bemühungen, Chancen und Potenziale digitaler Technologien für das Lernen zu nutzen, etwa nichts gebracht? Verfallen wir nach Aufbruchstimmung unter Pionieren in eine Lern-Lethargie oder -Stagnation? Was Scharlatan, das Theater für Veränderung, auf der CeBIT so anschaulich anhand von Hertha und Herbert anprangert, hat seinen Ursprung auf der Messe selbst: Nicht selten findet man Softwarelösungen von Unternehmen im Angebot, denen es an einer didaktischen Ebene mangelt. Nicht selten stehen neue Produkte oder Hardware im Vordergrund, während die alten noch nicht einmal in die breite Masse durchgedrungen sind bzw. zu tiefer Überzeugung geführt haben. Nicht selten bleibt E-Learning folglich Pionieren vorbehalten, Ihh-Learning heißt es beim Rest. Dass es doch einige Unverbesserliche gibt, zeigen etwa die nominierten und schließlich prämierten Projekte beim European E-Learning- Award (eureleA) auf. Allerdings stehen auch dort (immer noch) technische Lösungen im Vordergrund; nur bei wenigen Projekten überzeugt neben der Technik die hinter dem Produkt stehende Didaktik. Es verwundert mich daher nicht, dass gerade die professionellen E-Learning-Lösungen auf nahezu allen Ebenen den Non-Profit-Lösungen überlegen sind… womit wiederum belegt wäre, dass gut gemachtes E-Learning auch bedeutet, Geld in die Hand zu nehmen und sowohl in Entwickler als auch in Didaktiker zu investieren. Wir selbst sind mit w.e.b.Square übrigens leer ausgegangen. Nominiert in der Kategorie Public Relations war die Konkurrenz aus Schweden zu stark. Die Resonanz auf unser Projekt und die dazugehörige Präsentation war jedoch sehr positiv, sodass wir in jedem Fall weitere Energie in die studentische Online-Zeitschrift stecken werden. Und bei insgesamt 130 Einreichungen unter die besten europäischen E-Learning-Projekte zu kommen, ist auch schon etwas wert. So haben wir uns nach der feierlichen Preisverleihung und einem ordentlichen Buffet auf einigen Messeparties umgetan. Auch das gehört auf einer A-Messe wohl dazu :-)

Was ist Zeit? Nicht erst seit dem gleichnamigen Seminar von Klaus Mainzer haben sich viele MuK-Studierende mit der Frage auseinander gesetzt, was Zeit für das eigene Leben bedeutet und wie sich diese konstruiert. Denn Zeit scheint eines der bestimmenden Themen der Moderne geworden zu sein. So trifft man oft Menschen, die keine Zeit haben oder (neudeutsch) busy sind und ihren Zeitmangel auf diese Weise öffentlich zur Schau stellen. Nicht selten begegnet man sogar Menschen, bei denen Zeitmangel mit hohem Engagement gleich gesetzt und folglich ein ganz neuer Wert in einer arbeitenden Gesellschaft geschaffen wird. Generell fällt auf, dass gerade Berufe unsere Zeit prägen; sie bestimmen den Tagesablauf und sorgen mehr und mehr dafür, dass Grenzen von Arbeit und Frei(Achtung!)Zeit verschwimmen. Die technologische Entwicklung tut ihr übriges; mit größer werdender Vernetzung steigt der Anspruch an Allseitserreichbarkeit und permanenter Verfügbarkeit, aber auch an einen hohen Grad an Informiertheit und Auseinandersetzung mit der globalen Welt. „[…] grosse Kontinuitäten sind zunehmend die Ausnahme, in diesem Sinne heißt Globalisierung auch im Alltagsleben Wechsel, Flexibilisierung, Stress und Suche nach Entlastung. Die festen Orte verschwinden, wenigstens solche, die auf eine ganze Lebensspanne hin berechnet sind.“ (Oelkers, 2000, S. 4)

Zeitökonomie

Wenn sich (Achtung!) Zeiten ändern, stellt sich folglich auch die Frage nach dem Umgang mit der uns verbleibenden Zeit:

  • Wie viel Zeit darf ich mit welchen Aktivitäten verbringen?
  • Wie bewusst darf (oder muss?) ich mir Freizeit gönnen?
  • Wie schaffe ich es, meine Zeit möglichst selbstbestimmt einzusetzen?
  • Gibt es einen reflexiven Umgang mit Zeit?

Ohne Zweifel gibt es Unterschiede in der Wahrnehmung von Zeit: Mal vergeht sie langsam, mal vergeht sie schnell. Ich würde jetzt nicht so weit gehen und das Zeitempfinden von der Art der kognitiven Verarbeitung des Erlebten abhängig machen. Wohl aber kann man Pöppel (1999) zustimmen, wenn er sagt: Entscheidend sind die Inhalte des Erlebens, nicht die formale (eben zeitliche) Struktur der Repräsentation. Denn Zeit im Sinne von Uhrzeit, Tages- und Nachtzeit, Arbeitszeit etc. bietet allem voran eine Orientierung, an der sich Menschen im Laufe ihres Lebens entlang hangeln (können). Kurios wird es in dem Moment, wenn die Verdichtung von Zeit zur Vergleichzeitlichung führt. Multitasking ist hier das richtige Stichwort. Schnell das eine machen, nebenbei das andere und ganz nebenbei noch etwas anderes.

Selbstbestimmung adé?

Problematisch wird die Auseinandersetzung mit der Zeit vor allem dann, wenn Zeitordnungen auch als Machtordnungen verstanden werden (vgl. Heitkötter & Schneider, 2004, S. 19). Spätestens an dem Punkt bemerkt man, dass man zumindest in beruflicher Hinsicht oft am längerem Hebel sitzt. Selbstbestimmung oder besser noch: Selbstbildung adé. Aber die Lösung naht (zumindest theoretisch): „Zukunftsfähige Zeitkonzepte sind darauf ausgerichtet, den Menschen zum selbstbestimmten Umgang mit ihren zeitlichen Ansprüchen und Anforderungen zu befähigen, die oft beschworene Balance zwischen Arbeit und Leben wirklich zu ermöglichen.“ (Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik, S. 19) Irgendwie fasst diese Forderung auch die zentrale Erkenntnis unseres mentalen Ausflugs am letzten Freitag bestens zusammen: Berufe prägen unsere Zeit. Aber wir wollen auch Freizeit!

Seit heute ist die neue Ausgabe der Bildungsforschung online. Dieses Mal dreht sich alles um das Thema „Reflexives Lernen“. Ich finde das sehr spannend, denn – das sieht man schon bei den eingereichten Beiträgen – der Kern der Fragestellung ist in höchstem Maße interdisziplinär und relevant. Oder anders ausgedrückt: Reflexion geht uns alle etwas an. So heißt es auch im Editorial, das unter anderem von Gabi und Wolf geschrieben wurde: „Reflexives Lernen als Grundlage Lebenslangen Lernens ist nicht nur aus pädagogischer Sicht interessant, sondern auch aus historischer, philosophischer, psychologischer und praktischer Perspektive. Aus der Sicht der Bildungsforschung sind vor allem auch empirische Ergebnisse zum Lebenslangen Lernen von großem Interesse.“ Zum Glück sind bald Weihnachtsferien, sodass ich sicher zum Lesen der Beiträge kommen werde. Der Augsburger „Dunstkreis“ ist übrigens in der aktuellen Ausgabe äußerst gut vertreten.

Die Ökonomisierung der Bildung lässt mich nicht los. Am Montag hat der dritte und letzte Workshop unserer Reihe „Ist die Ökonomisierung der Bildung ökonomisch?“ mit der Hanns-Seidel-Stiftung stattgefunden, bei dem dieses Mal der Kontext „Hochschule“ beleuchtet wurde (Tamara und Frank berichten bereits). Auch wenn die Diskussionen später nicht so scharf wie erwartet verliefen, haben Prof. Hermann (TU München) und Prof. Mittelstraß (Uni Konstanz) anfangs doch idealtypisch zwei Positionen verkörpert, die ich per se interessant fand. Hermann stand für den Wissenschaftsmanager, der „seine“ Universität durch unternehmerisches Denken an Deutschlands Spitze gebracht hat. Überrascht hat mich seine Haltung gegenüber der Akkreditierungsthematik (nur drei Studiengänge der TU sind akkreditiert!) und gegenüber Drittmitteln (trotz 180 Mio. Euro Drittmitteleinnahmen betont er die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre). Mittelstraß dagegen kritisiert das Ökonomische derart, dass die Ökonomie nicht mehr wie früher dienend, sondern inzwischen herrschend über den Menschen und seine Bedürfnisse ist. In der Folge wird etwa Wissen als Ware begriffen und ein Verwertungsdruck des erworbenen Wissens entsteht. Wie bei den anderen beiden Workshops liegt die Wahrheit vermutlich einmal mehr in der Mitte (auch der Verein „Ökonomie & Bildung“ steht für ein aufgeklärtes Ökonomieverständnis). Bei den Statements und der folgenden Diskussionsrunde sind für mich allerdings drei Fragen offen geblieben:

  1. Leuchttürme vs. Otto-Normal-Universität: Welche Prinzipien sind von der einen auf die andere Hochschule übertragbar?
  2. Partizipation von Studierenden vs. Kundenorientierung: Wie gelingt es, unter Studierenden eine Kultur der Beteiligung zu schaffen?
  3. Gute Lehre vs. derzeitiger Betreuungsschlüssel: Wie kann man die Betreuung von Studierenden verbessern, wenn im Mittelbau kaum Ressourcen zur Verfügung stehen?

Alle Fragen machen natürlich große „Fässer“ auf; allerdings sollte man sie im Auge behalten, wenn man künftig vom Unternehmen „Universität“ spricht. Und wer das Thema vertiefen möchte, sollte sich den gleichnamigen Artikel von Heiner Keupp ansehen. Dort werden die zahlreichen Spannungsfelder, mit denen Universität im 21. Jahrhundert konfrontiert wird, aufgegriffen und kritisch reflektiert. Sehr lesenswert.

Freunde und Verwandte fragen mich oft, wie ich das ist, jeden Tag von zuhause aus zu arbeiten. Ich habe mir bisher keine Gedanken darüber gemacht, denn als Studentin war es schließlich nicht großartig anders. Viele sagen dann, sie könnten sich nicht dazu motivieren, früh am Morgen aufzustehen, sich allein an den Schreibtisch zu setzen und das bis spät in den Abend hinein. Gelobt wird das Büro, von dem aus man Arbeiten oder Aufträge erledigt und abends rechtzeitig „den Griffel fallen lässt“. Ein Büro wird damit als Ort des Arbeitens verstanden, die eigenen vier Wände mit Freizeit und „arbeitsfreier“ Zone gleichgesetzt. Diese starre Trennung fand ich immer schon komisch, sind doch flexible Arbeitszeit- und -ort-Modelle in vielerlei Hinsicht praktisch. Immerhin kann ich mir meine Zeit frei einteilen, dann arbeiten, wann ich es für richtig halte – ob das morgens, abends  (nachts ;-)) oder wann auch immer ist. Wenn der Handwerker kommt, muss ich niemals frei nehmen – in aller Regel bin ich zuhause oder kann meine Termine so legen, dass ich daheim bin, wenn der Zähler abgelesen werden muss oder der Postbote kommt. Trotzdem scheint etwas dran zu sein, an der Sache mit der Motivation. Gerhard Roth gibt z.B. in der aktuellen brand eins (09/2008, S. 95) den Tipp, dass „Selbstmotivation am besten [funktioniert], indem man sich konkrete Ziele setzt, die man in kleinen Schritten erreichen kann und für die man sich materiell entlohnt“ (ebd.). Ich weiß ja nicht, wie es Euch geht – aber ich muss mich nicht für jeden Schritt oder das kleinste Erfolgserlebnis belohnen. Roth schreibt ein solches Verhalten Menschen mit einer einseitig ausgerichteten Persönlichkeit zu. Irgendwie befremdlich, denn bisher habe ich Disziplin bzw. Willensstärke (oder wie man das auch immer nennen mag) nicht unbedingt als Einseitigkeit empfunden – im Gegenteil: Ich glaube einfach daran, dass es ganz unterschiedliche Typen von Menschen und damit verschiedene Präferenzen für das optimale Arbeits(zeit)modell gibt. Für den einen eignet sich ein eher klassisches Modell mit einem typischen Arbeitsalltag bzw. geregelter Arbeitszeit, für den anderen das flexible Modell von Orts-, Zeit- und Raumunabhängigkeit (das sicher mit der technologischen Entwicklung einhergeht). Solange beide Modelle „im Angebot“ sind, kann jeder das für sich richtige herausfinden oder die zwei „Extreme“ – soweit möglich – verbinden. Abgesehen davon meine ich, dass ebenso die Generation, der man angehört, mit entscheidend dafür sein kann, wie man arbeiten möchte – genauso wie Gewohnheiten und bestehende Traditionen im direkten (Arbeits-)Umfeld. Denn die persönliche Motivation hängt auch vom Team ab und bedingt, wie Arbeits(zeit)modelle funktionieren und wo diese an Grenzen stoßen. Und für den gelebten Mittelweg gibt es Instant Messanger wie Skype, wodurch man sich tagsüber wie in einem (virtuellen) Büro fühlt. Nur das Internet darf dann nicht ausfallen.

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