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Vor einigen Tagen ist die neue Ausgabe der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte erschienen; ich lese die APuZ, wie sie gewöhnlich abgekürzt wird, sehr gerne, da meist pointiert aktuelle Themen aus den Sozialwissenschaften aufgegriffen werden. Das aktuelle Heft widmet sich nun der ökonomischen Bildung, und das interessiert mich per se schon einmal. Bei bestem Wetter habe ich mir heute Nachmittag auf dem Balkon die Zeit genommen, die Texte zu lesen (also zu lesen, nicht nur zu überfliegen ;-)). Konkret will ich vier Artikel aufgreifen, die mir aus unterschiedlichen Gründen wichtig erscheinen:

Für ein erstes Grounding halte ich den Text von Hermann May (2011) für bedeutsam. Der Autor skizziert, was man aktuell unter ökonomischer Bildung versteht und inwiefern diese Allgemeinbildung sein kann/muss. Etwas gestört hat mich der qualifikatorische Zugang, da ich von ökonomischer Bildung mehr erwarte als die Vorbereitung auf den Beruf, etwa die Entwicklung einer reflexiven Haltung gegenüber eigenem (Wirtschafts-)Handeln. Vielleicht bin es aber auch ich, die diesen Begriff Qualifikation zu eng versteht, denn eine Nähe von Qualifikation und Kompetenz(entwicklung) ist allemal erkennbar; auch zur Bildung lassen sich im Text durchaus Parallelen ausmachen, die allerdings nicht näher expliziert werden.

Daneben finde ich (einmal mehr) die Ausführungen von Thomas Retzmann (2011) bzw. der Autorengruppe um Gerd.-E. Famulla (Famulla et al., 2011) spannend, da sie die aktuellen Kontroversen um die Verankerung ökonomischer Bildung in der Schule direkt aufzeigen. Während sich der eine an den Vorgaben der KMK orientiert und darum bemüht ist, in Anlehnung an ein früheres Papier (Retzmann et al., 2010) Bildungsstandards für wirtschaftsbezogene Inhalte in der Schule zu formulieren, lenkt das Autorenkollektiv die Aufmerksamkeit auf andere Aspekte, die sie auch in ihrem lesenswerten Papier (Hedtke et al., 2010) zur besseren ökonomischen Bildung skizzieren. Im Kern wenden sie sich von der Re-Produktion des homo oeconomicus ab und wollen mithilfe von Problemorientierung, Multiperspektivität bzw. Interdisziplinarität, Wissenschaftsorientierung bzw. Pluralismus ein aufgeklärtes Verständnis von Wirtschaft fördern, innerhalb dessen Diskurse und nicht Interessenspolitik eine wichtige Rolle spielen. Was sich auf den ersten Blick als durchaus vereinbar darstellt, liegt in der (fachwissenschaftlichen) Auseinandersetzung argumentativ mitunter weit auseinander. Die Diskussionen werden z. B. geschürt durch stark gegensätzliche Positionen, die sich neben der curricularen Verankerung und der didaktisch-methodischen Ausgestaltung zentral um die Unterrichtsinhalte einer ökonomischen Bildung in der (allgemein bildenden) Schule drehen.

Ein vierter Text, den ich herausheben möchte, ist der Artikel von Andreas Liening (2011) zu E-Learning in der ökonomischen Bildung. Spannend finde ich dieses Papier deshalb, da der Autor darin konstruktivistisch-orientiertes, erfahrungsanaloges, problemorientiertes und/oder kooperatives Lernen mit E-Learning unterstützen möchte. Dieser inhaltliche Schluss ist für uns nicht neu und ich wage sogar zu behaupten, dass wir in Bezug auf Einsatzmöglichkeiten digitaler Medien in Lehr-Lehrkontexten bereits weiter sind (nämlich Momente der Instruktion und der Konstruktion wieder stärker zusammendenken). Im Kontext ökonomischer Bildung scheinen mir digitale Medien als Werkzeug aber durchaus eine Innovation zu sein – insbesondere dann, wenn man Vertreter einer ökonomischen Bildung eindeutig von solchen der beruflichen Bildung trennt, wo digitale Medien bereits seit längerem als Möglichkeit zur Verbindung von Lernorten (Stichwort: duales System) diskutiert werden und erste Beispiele für ihre Implementierung vorliegen.

Fazit: Alles in allem ein lesenswertes APuZ-Heft, das ich auch denjenigen ans Herz legen will, die sich sonst wenig mit Wirtschaft auseinandersetzen ;-)

PS: Ganz lieben Dank an Tamara für den hilfreichen Linktipp.

Quellen:

Famulla, G.-E., Fischer, A., Hetke, R., Weber, B. & Zurstrassen, B. (2011). Bessere ökonomische Bildung. Aus Politik und Zeitgeschichte. 12, 48–54.

Hedtke, R., Famulla, G.-E., Fischer, A., Weber, B. & Zurstrassen, B. (2010). Für eine bessere ökonomische Bildung! Kurzexpertise zum Gutachten „Ökonomische Bildung an allgemeinbildenden Schulen. Bildungsstandards. Standards für die Lehrerbildung im Auftrag des Gemeinschaftsausschusses der Deutschen Gewerblichen Wirtschaft“. Bielefeld: Initiative für eine bessere ökonomische Bildung.

Liening. A. (2011). E-Learning in der ökonomischen Bildung. Aus Politik und Zeitgeschichte. 12, 32–39.

May, H. (2011). Ökonomische Bildung als Allgemeinbildung. Aus Politik und Zeitgeschichte. 12, 3–9.

Retzmann, T. (2011). Kompetenzen und Standards der ökonomischen Bildung. Aus Politik und Zeitgeschichte. 12, 15–21.

Retzmann, T., Seeber, G., Remmele, B. & Jongebloed, H.-C. (2010). Ökonomische Bildung an allgemeinbildenden Schulen. Bildungsstandards. Standards für die Lehrerbildung. Gutachten im Auftrag des Gemeinschaftsausschusses der Deutschen Gewerblichen Wirtschaft. Berlin: Zentralverband des Deutschen Handwerks.

Dass Studierende an der Öffnung von Seminaren und durch die Orientierung an „echten“ Problemen Spaß an Lehrveranstaltungen entwickeln können, habe ich an anderer Stelle ausführlicher beschrieben. Außerdem ist diese Erkenntnis nicht gerade neu, denn der Aspekt der Öffnung steht im Zentrum der meisten Bemühungen zum Lernkulturwandel und zur Hochschulentwicklung. Trotzdem macht es als Lehrende immer wieder große Freude zu sehen, wenn sich problemorientierte Konzepte innerhalb eines Semesters bewähren und in Teilen auch verselbstständigen. So bin ich einmal mehr begeistert von den Ideen und Konzepten, die dieses Halbjahr im Rahmen von Lehrveranstaltungen entwickelt worden sind.

Morgen stehen nun die Abschlusspräsentationen in meinen beiden neu konzipierten Seminaren an. In der einen Veranstaltung geht es um Social Networks und ihre Wirksamkeit in der Online- und Offline-Welt; in der anderen Veranstaltung steht das Thema Wissenskommunikation im Zentrum und vertieft das Grundlagenseminar Wissensmanagement im MuK-Studiengang (beide Seminare hatte ich im Blog bereits kurz skizziert). Im erstgenannten Seminar ist die Landesarbeitsgemeinschaft Bayerischer Familienbildungsstätten e.V. der Partner, sodass sich morgen Früh mein gesamtes Seminar auf den Weg nach München macht, um die Social Media-Konzepte vor ca. 12 Externen zu präsentieren. Auf diese Vorstellung bin ich höchst gespannt, da digitale soziale Netzwerke innerhalb der Organisation bisher keine Rolle spielen, aber dennoch eine gewisse Offenheit gegenüber neuen, aus einer medienaffinen Zielgruppe generierten Ideen besteht. Um ein Grounding zu schaffen, werde ich selbst einen kurzen Input zum Medienwandel und den damit verbundenen Konsequenzen für die Öffentlichkeitsarbeit von Non-Profit-Organisationen geben. Danach stellen die sechs Seminargruppen ihre Konzepte vor und laden zur Diskussion ein. Im Anschluss an die Veranstaltung am Vormittag eile ich nach Augsburg, um der zweiten Abschlusspräsentation beizuwohnen. Hier geht es um das Projekt „EduCamp meets GMW“, für das Studierende unseres Seminars insgesamt fünf visuelle Konzepte entwickelt haben. Einige der Jurymitglieder werden vor Ort anwesend sein, andere schalten wir virtuell zu. Insofern bleibt vor allem zu hoffen, dass wir die Veranstaltung technisch gut auf die Beine stellen werden, damit alle Experten gleichermaßen beteiligt werden und schließlich zu Wort kommen können.

Alles in allem hoffe ich auch, dass sich die um eine Woche vorgezogenen Termine nicht negativ auf den Grad der Ausarbeitung der Ideen und Konzepte ausgewirkt haben. Leider musste ich nämlich aufgrund der Bewerbungsvorträge zur (Wieder-)Besetzung der Professur für Mediendidaktik die Abschlusspräsentationen für beide Lehrveranstaltungen um eine Woche nach vorn verlegen. Eine solche Verschiebung ist immer etwas unglücklich, da ein Seminar detailliert geplant worden ist und eine Woche weniger Zeit diesen Plan für die Studierenden etwas durcheinander bringt. Zudem hängen durch die Öffnung des Seminars auch Kooperationspartner an der Veranstaltung, sodass Terminkollisionen mitunter nicht einfach zu beheben sind. Allerdings stimmt mich der Stand der studentischen Arbeiten, wie ich ihn bisher kenne, positiv, dass die Verschiebung keinerlei Einfluss auf die Qualität der Konzepte und Ideen genommen hat. Folglich freue ich mich auf einen spannenden Tag morgen, der gespickt ist mit Höhepunkten, wenn man das aus der Lehrendenperspektive so sagen kann und will.

Es gibt Momente, wo man nur noch grinsend in der Ecke sitzt und sich darüber freut, was gerade passiert. Gestern war einer dieser Momente und „Schuld“ daran waren meine Studierenden, die als Seminargruppe die 3. w.e.b.Square-Tagung auf die Beine gestellt haben. Ich kann kaum herausgreifen, was dieses Jahr besser war als in den Jahren zuvor – vielleicht muss ich das auch gar nicht. Denn in den ersten beiden Jahren ging es mit Sicherheit erst einmal um die Idee, eine studentische Tagung im Rahmen einer Lehrveranstaltung zum wissenschaftlichen Publizieren zu organisieren und vor Ort in Augsburg zu etablieren. So verwundert es nicht, dass sich das inhaltliche Niveau und die Zahl der Teilnehmer der ersten beiden Tagungen von der gestrigen dritten Veranstaltung deutlich unterschieden. Ich finde das nicht schlimm, im Gegenteil: Man merkt, dass auch die Organisation von Veranstaltungen mit jedem Mal, wo sie (wie im Falle von w.e.b.Square) stattfindet, optimiert werden kann. Und dies gilt für alle Beteiligten, für die Studierenden wie auch für uns als Lehrende.

Die Studierenden schauen sich z.B. frühzeitig an, was ihre Kommilitonen in den vorangegangen Veranstaltungen geleistet haben. Hier bietet w.e.b.Square als Plattform interessante Einblicke (z.B. Tagungsband 2009, mediale Begleitung 2009), aber auch die schriftlichen Handbücher sind sehr hilfreich, um nicht in jedem Jahr von vorn zu beginnen. Natürlich kann man sagen, dass diese Unterlagen nicht an die Studierenden ausgegeben werden dürften, damit sich jedes Jahr und in Gänze in die Materie Veranstaltungsorganisation einarbeiten könnten. Das halte ich aber, ehrlich gesagt, für Quatsch. Ich bin fest der Meinung, dass die Studierenden sehr davon lernen zu sehen, welche Aufgaben von ihresgleichen bereits geleistet wurden – sie schöpfen daraus Mut und (mit Sicherheit auch) den Ehrgeiz, es „noch besser“ zu machen. Jedenfalls habe ich den Eindruck, das letzteres implizit der Fall ist und den (positiven) Effekt hat, dass sowohl das inhaltliche Niveau der Vorträge als auch das „Drumherum“ von Jahr zu Jahr steigt.

Als Lehrende muss man sagen, dass sich offenbar manche Themen besser für Studierende eignen als andere. So konnte man gestern merken, dass die „sozialen Netzwerke“ Studiererende in ihrem (Medien-)Alltag permanent begegnen und sie allein deswegen viel zum Thema zu sagen haben. Mehr noch: Man hatte den Eindruck, dass sie bei diesem Thema als Experten im Vordergrund standen – und zwar nicht nur aufgrund ihrer studentischen Perspektive, sondern auch durch ihre Sozialisation mit den digitalen Medien ganz allgemein. Auch wenn die Themen der vorangegangenen Tagungen mit Sicherheit nicht unspannend waren (2008: Innovation vs. Tradition – Hochschule im 21. Jahrhundert; 2009: Open University oder: die Zukunft der Hochschule), muss man festhalten: Will man (Wissens-)Austausch unter Studierenden anregen und in gewisser Weise zwischen „Generationen“ vermitteln, gibt es Themen, die sich hierzu besser als andere eignen. Diese Erkenntnis ist an sich nicht neu, doch gibt es offenbar graduelle Unterschiede in der Situiertheit, die das Gelingen eines Seminarvorhabens (positiv wie negativ) beeinflussen können.

Was sich über die Jahre etabliert hat und sich immer wieder als wichtiges Merkmal von w.e.b.Square herausstellt, ist die sehr ausgeprägte Feedbackkultur. So erhalten alle Gruppen in jedem Stadium der Lehrveranstaltung Rückmeldungen auf ihre Arbeit, teils mischen wir (in diesem Jahr Marianne, Tamara und ich) uns sogar in den Prozess der Ideenfindung ein, sollte das (beispielsweise für das PR- oder Videoteam) nötig sein. Das an sich ist noch nichts besonderes, jedenfalls bei uns in Augsburg, doch gibt es neben dem „normalen“ Feedback auf die Arbeit zwei detaillierte Reviews auf die geschriebenen Artikel, die hinterher im Tagungsband auf w.e.b.Square veröffentlicht werden. Diese Reviews sind keine einmalige Angelegenheit, sondern können bis zu drei Schlaufen haben und ziehen sich über mehr als einen Monat hin. Das ganze Verfahren ist sehr aufwändig und kann in dieser Intensität nicht in jeder Lehrveranstaltung durchgeführt werden; angesichts der gestrigen Ergebnisse und der offensichtlichen Entwicklungen bei den Studierenden muss man aber sagen, dass es sich lohnt, mehr Energie zu investieren. Um es provokanter zu sagen: Wissenschaftliches Arbeiten kann (und darf!) auch Spaß machen ;-)

Natürlich gehen manche Dinge schief und werden nicht immer gut geheißen. Die Klagen, was den Aufwand der Lernenden angeht, sind dabei typisch und gerade zu Beginn der Lehrveranstaltung stets zu hören. Aber auch ein Event ist prädestiniert dafür, dass etwas nicht klappt. So gut man das organisatorische „Drumherum“ auch plant, aufgrund der merklichen Belastung vor Ort gibt es meist ein paar „Fehlerchen“. Aber auch das halte ich für ganz normal und sind wichtige Lernergebnisse, die man als Studierender aus einer Lehrveranstaltung wie dieser mitnehmen kann (Stichwort: geschützer Raum): die Arbeit auf einen Punkt (Tagung) hin, die wachsende Anspannung, das passgenaue Abrufen von Leistung und den Umgang mit Stress. Denn was abseits von inhaltlich-thematischer Auseinandersetzung bleibt, sind eine ganze Reihe an überfachlichen Kompetenzen im sozialen und methodischen Bereich.

Liebe Seminarteilnehmer, ich bin echt stolz auf Euch, dass das dieses Jahr so gut geklappt hat… ein dickes „Wow“ und Dankeschön an Euch alle!

Es hat sich eingeschlichen, dass wir über die Feiertage die w.e.b.Square-Reviews für die angeschlossene Tagung fertig machen. Wir hatten zwar die Hoffnung, es in diesem Jahr vor den Weihnachtstagen zu schaffen, aber es gibt immer wieder Nachzügler, die (aus gutem Grund) ihre Artikel später abgeben. So haben wir heute den letzten Text begutachtet und den Studierenden zurückgeschickt. Fast schon traditionell kommt auf diese Mails keine Antwort. Denn die Gutachten sind kritisch und auf einem Niveau, wie man sie als Studierender selten erhält. Das will erst verarbeitet werden. Allein die Studierenden, die mit uns in anderen Projekten zusammenarbeiten, kennen diese Form von Feedback bereits aus ihrem Alltag und sind dadurch schnell in der Lage, dieses für sich aufzunehmen bzw. Fragen zu stellen zu den Punkten, die sie nicht verstehen.

Die (inzwischen schon vier) w.e.b.Square-Seminare zeigen mir daher immer wieder, dass es sehr sinnvoll wäre, Studierenden beim Annehmen von Feedback zu helfen und umgekehrt auch darin zu schulen, „richtiges“ (eben konstruktives) von „falschem“ (sprich pauschalem) Feedback unterscheiden zu können. Denn der persönliche Lernerfolg hängt ebenso wie der Fortgang der Veranstaltung stark davon ab, inwieweit die Studierenden die Rückmeldungen von Lehrenden und von ihren Peers aufnehmen. Interessant ist dabei, dass es sich in der genannten Lehrveranstaltung bewährt hat, dass die Rückmeldungen zu den Artikeln von den Dozenten selbst kommen. Aus meiner Sicht hat das viel damit zu tun, wie die Studierenden sozialisiert sind, aber auch damit, ob sie erfahren darin sind, sinnvolles Feedback zu formulieren.

Wenn es das w.e.b.Square-Seminar weiter gibt, werde ich mir auf jeden Fall Gedanken dazu machen, wie man Peer-Reviews in diese Veranstaltung integrieren kann. Denn durch den ersten Call for Papers, den wir Mitte des Jahres 2009 für w.e.b.Square durchgeführt haben und dessen Ergebnisse seit ein paar Tagen online verfügbar sind, haben wir einige Erfahrungen mit studentischen Reviews gesammelt. Diese kann man nun gut für das Seminar nutzen (aber auch für weitere Calls für die Online-Zeitschrift selbst). Denn eins scheint klar: Gutachten zu verfassen, ohne darin erfahren zu sein, stellt Studierende vor erhebliche Hürden. Durch Gutachtertätigkeiten im geschützten Seminarraum hätten sie die Chance, durch die Reviews viel über die Struktur von Arbeiten („roter Faden“), über die Verwendung und Interpretation von Literatur, über die Einhaltung von formalen Kriterien (Zitierweise, Zeitformen, Erzählebenen) etc. zu lernen – mehr noch: Sie würden aufgefordert, ihre Eindrücke zu einem Text für andere nachvollziehbar zu explizieren. Vermutlich läge darin sogar der größte Gewinn für das wissenschaftliche Arbeiten, wenn man die besondere Referatssituation „Tagung“ einmal außen vor lässt.

Gestern fanden mehrere Kick-off-Veranstaltungen im Begleitstudium statt. Das ist an sich nichts Neues, gibt es doch Semester für Semester neue (studentische) Initiativen, die sich mit unserer Hilfe zusammentun oder von allein den co-curricularen Rahmen für Projektarbeit suchen. Dabei stehen immer die Studierenden und ihr überfachlicher Kompetenzgewinn im Fokus. In letzter Zeit kommt es jedoch häufiger vor, dass wissenschaftliche Mitarbeiter nicht nur das Mentoring, sondern auch die inhaltliche Leitung der Projekte übernehmen. Im Hinblick auf die Kompetenzentwicklung der Studierenden ist das nicht so dramatisch: Gerade zu Beginn eines Projekts wird der Mentor stark eingefordert und ist integraler Bestandteil des Teams. Leitungsfunktionen (und Rollen überhaupt) bilden sich erst langsam bei den Studierenden aus und können sich aufgrund des natürlichen Projektverlaufs laufend verändern. Ich sehe jedoch neue Anforderungen auf die Lehrenden durch die wachsende Zahl an Begleitstudiumsangeboten zukommen, denn sie müssen von ihrem Selbstverständnis eine ganz andere Rolle während dieser Projektarbeit einnehmen. So unterscheidet sich ihre Rolle beispielsweise auch von der Projektarbeit im Seminar: Während ich als Coach in einem Projektseminar einen eindeutigen Rahmen schaffe, innerhalb dessen sich die Studierenden bewegen können, muss ich im Begleitstudium darauf achten, möglichst offene Ziele zu geben, ohne dabei zu stark zu lenken. Immerhin sollen Entscheidungen im Team getroffen und nicht „von oben“ vorgegeben werden. Dies ist bisweilen schwierig, denn erfahrungsbedingt könnte man den Projekten viel mehr Struktur „verpassen“. Doch darum geht es nicht. Öfters muss ich mir daher selbst auf die Füße treten, die Studieren „einfach machen lassen“ und nur bei völlig falschem Vorgehen eingreifen. Anderen Lehrenden geht es ähnlich. Aufgrund der persönlichen Eindrücke sehe ich daher eine neue Anforderung auf das Begleitstudium zukommen, nämlich gewissermaßen eine Train-the-Trainer-Maßnahme, die über ein reines Informationsangebot über Chancen und Grenzen hinausgeht. Sensibilisierung für die unterschiedlichen Erwartungen und Bedürfnisse sowie für die Rollenthematik scheinen mir hier ein wichtige Stichworte, ohne bereits genau zu wissen, wie man dies möglichst elaboriert in einem Workshop vermitteln könnte. Erste Anforderungen haben Hannah und ich jedenfalls gleich nach den gestrigen Veranstaltungen diskutiert (praktisch, das mit dem geteilten Schreibtisch!).

Seitdem ich an der Uni Augsburg bin, habe ich mich v.a. für praxisnahe Lehre interessiert. Nicht, dass Ihr mich jetzt falsch versteht: Ich wollte mich als Studentin nicht drücken um theoretische, augenscheinlich komplexer erscheinende Veranstaltungen. Ich wollte auch nicht möglichst leicht an Punkte gelangen, wobei man mir das noch nicht mal zum Vorwurf machen könnte: Wer als Bachelor- oder Masterstudent im Semester 40 bis 50 Punkte macht, muss sich seine Veranstaltungen sehr genau aussuchen – gucken, wie er möglichst ökonomisch interessante und aufwändige Seminare mit weniger komplexen Veranstaltungen verbindet. Vorlesungen habe ich (soweit möglich) vermieden: Dasitzen auf unbequemen Stühlen, stundenlanges Zuhören und letztlich Auswendiglernen war noch nie meins (und wird es auch wohl nie werden)… Ja, praxisnahe Lehrveranstaltungen haben schon immer einen gewissen Reiz für mich versprüht. Man konnte sich unter dem Kontext etwas vorstellen, sich in die Situation hineindenken und möglichst realitätsnahe Problemlösungen erarbeiten. Denn oft stehen am Ende dieser Seminare konkrete Ergebnisse oder Artefakte. Letztere haben mich irgendwie fasziniert – wie kommt man schließlich auf eine Top-Idee? Allzu oft saßen wir bis weit in die Nacht zusammen, brüteten über Ideen und uns fiel einfach nichts ein. Erst kurz vor Abgabe hatten wir passable Einfälle: in der Cafete, in der Küche von Freunden, auf Parties, sonst irgendwo. Mit praxisnaher Lehre verbinde ich daher v.a. ein intensives Lernerlebnis, das ich in Vorlesungen nie erfahren habe. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum ich mich bis heute am ehesten an die Seminare erinnern kann, die neben dem Aufwand besonders eins gemacht haben: Spaß. Klar hatte ich in vielen Momenten Glück, gerade was die damit verbundene Gruppenarbeit angeht. Meistens waren meine Teams bereits so eingespielt, dass bestimmte Rollen und Zuständigkeiten ohne lang zu diskutieren vergeben waren. Die intensiven eigenen Erfahrungen sind es jedenfalls, die mich heute als Lehrende dazu bewegen, selbst praxisnahe Seminare anzubieten und damit Studierenden die Gelegenheit für jene Flow-Gefühle zu geben, die mich früher angespornt haben.

Dass stark problemorientierte Konzepte in der Lehre aufgehen, hat mir z.B. mein Seminar im letzten Sommersemester gezeigt. Im Anschluss an theoretischen Input zum Thema Corporate Social Responsibility folgte eine ausgedehnte Praxisphase in Kooperation mit einem börsennotierten Unternehmen der Region. Währenddessen haben die Studierenden alle Höhen und Tiefen eines Projektseminars durchlaufen, wie ich sie noch aus meiner Zeit als Studentin kannte (die ja nicht allzu lang her ist): Ratlosigkeit und unausgereifte Ideen zu Beginn, nett gemeintes, aber doch sehr kritisches Feedback aus dem Plenum, Phasen der Enttäuschung und kleinere Streitigkeiten in der Gruppe. Und zum Schluss: viele Ideen, die sich messen können mit denen professioneller Agenturen im Bereich Nachhaltigkeit. Dies bestätigt schließlich auch der Praxispartner und bittet einige Studierende Ende des Monats zum erneuten Gespräch. Dann geht es um die Verwertung der besten Kampagnen-Ideen – was ein toller Erfolg ist, wie ich finde. Sicherlich werden jetzt einige Kritiker sagen, ob das Ziel von universitärer Lehre sein muss, dass studentische Leistungen Verwertung in der Wirtschaft finden. Dies ist – auch aus meiner Sicht – klar zu verneinen. Sie muss nicht direkt verwertbar sein, gibt es doch viele Beispiele von problemorientierten Veranstaltungen, die ähnliche (Lern-) Effekte erzielen, ohne dabei eine Wirtschaftskooperation im Nacken zu haben. Abgesehen davon soll Universität auch nicht ein billiger Ersatz für professionelle Agenturen oder Beratungseinrichtungen sein, um deren Marketing mit originellen Maßnahmen oder frischen Ideen zu unterstützen. Dennoch halte ich es für legitim und empfinde es als besondere Auszeichnung, dass diese – im Falle sehr guter Ergebnisse – weiter verwendet werden. Zu diskutieren ist, inwieweit die Leistung dann vergütet wird… Ja, das leidige Geld.

Heute habe ich übrigens mein Seminarangebot für das Sommersemester 2009 zusammen gestellt – es lautet: Corporate Volunteering – Imagebildung oder Personalentwicklung? Projektarbeit/Praxis natürlich inklusive.

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