Heute ist eine HIS-Studie zur ersten WiNbus-Befragung (Jaksztat & Briedis, 2009) erschienen. Im Zentrum steht die Bologna-Reform aus Sicht des wissenschaftlichen Nachwuchses. Dass dieser die Reformbemühungen insgesamt kritisch beäugt, wundert mich nicht. Schließlich erlebt er den Wandel am eigenen Leib:

  • Interessant finde ich, dass wissenschaftlicher Nachwuchs im Laufe des letzten Jahrzehnts skeptischer gegenüber den veränderten Studienstrukturen geworden ist (immerhin 35 %, S. 8). Dies passt auch zur Einschätzung vieler etablierter Wissenschaftler, die in letzter Zeit vermehrt über die Bologna-Reform klagen.
  • Für viele Nachwuchswissenschaftler ist der Bachelor nach wie vor eine Zwischenstation zum Master, weshalb er für möglichst viele Studierende (und nicht nur für die Besten eines Jahrgangs) zugänglich sein sollte. Fachliche Qualifikation steht somit für den Nachwuchswissenschaftler klar im Vordergrund (ebd., S. 10).
  • Dazu passen die Ergebnisse zu den erwünschten Eigenschaften des Masters: 41 % der Befragten sind der Meinung, dass ein Masterstudium auf Forschungsaufgaben vorbereiten sollte (kleine Randbemerkung: Und wer stellt all die Nachwuchsforscher an?).
  • Was die Folgen der Bologna-Reform für den wissenschaftlichen Nachwuchs angeht, werden unterschiedliche Aspekte angesprochen: Inhaltliche Veränderung sowie Zeitknappheit durch Organisation und Verwaltung werden von einer ganzen Reihe von Nachwuchswissenschaftlern wahrgenommen. Hinzu kommen vermehrte Beratungsleistungen, die in der Literatur oft auf ein wachsendes individual-ökonomisches Kalkül zurückgeführt werden.
  • Besonders interessant (u. a. angesichts meines anderen heutigen Eintrags) sind die Erkenntnisse zur geforderten Modernisierung in der Lehre. Ein echter Paradigmenwechsel hin zu mehr Projektarbeit und Übungen bleibt nämlich augenscheinlich aus (ebd., S. 14).
  • In Bezug auf die Lehre fällt auf, dass sich vor allem diejenigen Nachwuchswissenschaftler über vermehrten Aufwand beklagen, die sich der Modernisierung verschrieben haben. Mein spontaner, erster Eindruck: Neben den Studienstrukturen an sich müsste auch die Anerkennung von Lehre reformiert werden! So kommen auch Jaksztat und Briedis (2009, S. 15) zu dem Schluss: „All dies spricht dafür, dass die im Zusammenhang mit der Lehre erbrachten Leistungen stärker als bisher honoriert werden sollten.“ (ebd.)
  • Ein weiteres Thema der Studie ist die berufliche Situation von Nachwuchswissenschaftlern. Dabei wird herausgestellt, dass sie gerade die Planbarkeit ihrer Karriere schlecht bewerten. Kein Wunder, wenn man sich von sechsmonatigen Verträgen zum nächsten hangelt und regelmäßig bei der Agentur für Arbeit aufschlagen muss…
  • Neben der fehlenden Planbarkeit bemängelt der wissenschaftliche Nachwuchs seine finanzielle Situation. Auch hier muss ich sagen: Wen wundert’s? Halbe Stellen sind einfach nicht so attraktiv wie hochdotierte Verträge in der Wirtschaft. Auch wenn die Wirtschaft nicht das Heil an sich bringt, muss man die Abwanderung von guten Leuten zur Kenntnis nehmen. Oder umgekehrt: Wer in die Wissenschaft geht, braucht Ideale ;-)

Abschließend wagen die Autoren noch eine Aussage zu den Stellgrößen, die Nachwuchswissenschaftler zum Bleiben bewegen würden: Insgesamt sind die „Möglichkeiten zur fachlichen Qualifizierung und eine adäquate Förderung […] wesentliche Voraussetzungen für die berufliche Zufriedenheit junger Forscher/innen“ (ebd., S. 20). Darum ist es jedoch schlecht bestellt. Knapp die Hälfte der Befragten ist sich folglich unsicher, ob sie weiter im Wissenschaftsbetrieb beschäftigt sein möchte. Liebe Politik(er), das ist eine erschreckend hohe Zahl. Tu(t) was!

PS: Einige Medien berichten bereits über die Studie, z. B. die TAZ. Die Pressemitteilung der HIS GmbH findet sich ebenso im Netz.