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Es ist schon wieder ein paar Tage her, dass ich die „Theorie der Unbildung“ (2006/2009) von Konrad Paul Liessmann gelesen habe, aber irgendwie lässt mich das Buch nicht los. Denn seine süffisante Art hat mir immer wieder ein Schmunzeln entlockt. Und mir auch gezeigt, wie gut man Probleme im Bereich Bildung in einfacher Sprache aufzeigen und damit mehrheitstauglich machen kann. Besonders amüsant finde ich das Einstiegskapitel „Wer wird Millionär oder: Alles, was man wissen muß“. Lustig ist der Einstieg deshalb, weil die Wissensshows im Fernsehen einfach kein Ende nehmen wollen und ich immer noch eine Reihe von Leuten kenne, die diese Shows lieben. Irgendwas muss daher an den Shows dran sein… oder? Dies ist schließlich auch der Grund, warum manch Lehrer die Wissensshow zum Anlass nimmt, anhand von gewitzt formulieren, Multiple-Choice-Fragen wieder Schwung in den Unterricht zu bringen. Liessmann bringt die Verquertheit eines solchen Umgangs angesichts des sonst vorherrschenden Versuchs, Faktenwissen (zumindest teilweise) abzulösen, auf den Punkt:
„So macht nicht nur Lernen, sondern auch Prüfen wirklich Spaß, und durch die Hintertür eines Medienereignisses gelangt das lange verpönte Abfragen beziehungslos nebeneinander stehender Daten, Fakten und Bedeutungen wieder in den Unterricht.“ (ebd., S. 16)
Im Folgenden erläutert er dann, was Wissensshows mit dem heutigen Zustand von Bildung zu tun haben:
„Formate wie die Millionenshow indizieren den Stand der Bildung auf der Ebene der massenmedialen Unterhaltung: als eine Erscheinungsform der Unbildung.“ (ebd., S. 17)
Ausgehend von Wer wird Millionär (oder der Millionenshow, wie es in Österreich heißt), macht sich Liessmann auf die Suche nach der (neo-)humanistischen Idee der Allgemeinbildung und muss (leider) konstatieren, dass diese zugunsten der Ökonomie und den Naturwissenschaften eher vernachlässigt wird (eine Erkenntnis, die wohl fast alle Geistes- und Sozialwissenschaftler teilen können). Ähnlich kritisch betrachtet er heutige Bildungsziele (insbesondere die Kompetenzorientierung in der Bildung) sowie die Art und Weise, wie Lernergebnisse als Outcome von Bildung gemessen werden. In Anlehnung an Nietzsche formuliert er:
„Eine Schule, die aufgehört hat, ein Ort der Muße, der Konzentration, der Kontemplation zu sein, hat aufgehört, eine Schule zu sein. Sie ist eine Stätte der Lebensnot geworden. Und in dieser dominieren dann die Projekte und Praktika, die Erfahrungen und Vernetzungen, die Exkursionen und Ausflüge. Zeit zum Denken gibt es nicht.“ (ebd., S. 62)
Bildung ist für ihn nicht mehr als ein „Sammelsurium von Kulturgütern“ (ebd., S. 68) und die „Distanz vom Geist“ (ebd., S. 72) letztlich Ausdruck von Unbildung: „Unbildung heute ist deshalb auch kein intellektuelles Defizit, kein Mangel an Informiertheit, kein Defekt an einer kognitiven Kompetenz [...], sondern ein Verzicht darauf, überhaupt verstehen zu wollen.“ (ebd., S. 72)
Es gibt noch zig andere Stellen im Buch, die ich sehr geistreich finde – zwei davon sind die hier:
- mit Blick auf das Postulat der Vernetzung: „Wer etwa ständig von Vernetzung faselt, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, was er damit an Konformitätsdruck verkündet, mag dem Zeitgeist gehorchen, nicht aber dem Anspruch eines halbwegs souveränen Verstandes.“ (ebd., S. 72)
- mit Blick auf den Wert von Evaluationen: „Die Idee neuzeitlicher Wissenschaft liegt in der Öffentlichkeit des vernünftigen Diskurses, liegt in der Möglichkeit der permanenten Kritik. Was ein Gedanke, eine Hypothese, eine Theorie, ein Fund, eine Beobachtung, ein Experiment taugen, erweist sich in der Auseinandersetzung mit Kritikern, erweist sich im Blick auf die Sache, um die es geht. Kaum ein Evaluator hat aber auch nur einen der Texte gelesen, die er evaluieren soll.“ (ebd., S. 101)
Die Ausführungen zur Bologna-Reform will ich an dieser Stelle aussparen, auch wenn sie sehr treffend sind; ich halte dieser Tage mehr davon, einen Blick auf die Bildungsproteste zu werfen und auf das, was bei Studierenden und bei Lehrenden in Punkto Bologna angekommen ist. Denn die kritischen Stimmen treffen im Kern genau das, vor dem Liessmann warnt: nämlich der Verschulung und der Ent-Wissenschaftlichung. Kein Wunder, dass er auch nur wenig von Elitenbildung und dem Ausbau von Eliteuniversitäten hält:
„Auch an Massenuniversitäten kann das Betreuungsverhältnis gut sein – vorausgesetzt, es gibt genügend Professoren; auch an Massenuniversitäten kann erstklassige Forschung betrieben werde, vorausgesetzt, die Belastung durch Lehre und Verwaltung wird angemessen verteilt und bei Bedarf delegiert; auch in der Massenuniversität haben begabte und eifrige Studenten die Möglichkeit, sich zu profilieren – vorausgesetzt, es gibt genügend Seminare, in denen sie auffallen können.“ (ebd, S. 129)
Das Buch bietet wirklich viele Facetten und noch eine Reihe an Themen, die ich hier nicht aufgeführt habe (z.B. Ausführungen zum Wissensbegriff, zur Ökologie des Wissens sowie zur Bedeutung von Sprache in Bildungsprozessen). Es endet schließlich mit damit, dass uns und unserer Zeit ein Spiegel vorgeführt wird:
„Bildung hatte einst mit dem Anspruch zu tun, die vermeintlichen Gewißheiten einer Zeit ihres illusionären Charakters zu überführen. Eine Gesellschaft, die im Namen vermeintlicher Effizienz und geblendet von der Vorstellung alles der Kontrolle des ökonomischen Blicks unterwerfen zu können, die Freiheit des Denkens beschneidet und sich damit die Möglichkeit nimmt, Illusionen als solche zu erkennen, hat sich der Unbildung verschrieben, wie viel an Wissen sich in ihren Speichern auch angesammelt haben mag.“ (ebd., S. 175)
Ich will keine Werbung machen, aber das Buch lohnt sich. Ihr könnt es Euch ja mal von mir ausleihen.
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Quelle:
Liessmann, K.-P. (2006/2009). Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft. 2. Auflage. München: Piper.
Heute ist eine HIS-Studie zur ersten WiNbus-Befragung (Jaksztat & Briedis, 2009) erschienen. Im Zentrum steht die Bologna-Reform aus Sicht des wissenschaftlichen Nachwuchses. Dass dieser die Reformbemühungen insgesamt kritisch beäugt, wundert mich nicht. Schließlich erlebt er den Wandel am eigenen Leib:
- Interessant finde ich, dass wissenschaftlicher Nachwuchs im Laufe des letzten Jahrzehnts skeptischer gegenüber den veränderten Studienstrukturen geworden ist (immerhin 35 %, S. 8). Dies passt auch zur Einschätzung vieler etablierter Wissenschaftler, die in letzter Zeit vermehrt über die Bologna-Reform klagen.
- Für viele Nachwuchswissenschaftler ist der Bachelor nach wie vor eine Zwischenstation zum Master, weshalb er für möglichst viele Studierende (und nicht nur für die Besten eines Jahrgangs) zugänglich sein sollte. Fachliche Qualifikation steht somit für den Nachwuchswissenschaftler klar im Vordergrund (ebd., S. 10).
- Dazu passen die Ergebnisse zu den erwünschten Eigenschaften des Masters: 41 % der Befragten sind der Meinung, dass ein Masterstudium auf Forschungsaufgaben vorbereiten sollte (kleine Randbemerkung: Und wer stellt all die Nachwuchsforscher an?).
- Was die Folgen der Bologna-Reform für den wissenschaftlichen Nachwuchs angeht, werden unterschiedliche Aspekte angesprochen: Inhaltliche Veränderung sowie Zeitknappheit durch Organisation und Verwaltung werden von einer ganzen Reihe von Nachwuchswissenschaftlern wahrgenommen. Hinzu kommen vermehrte Beratungsleistungen, die in der Literatur oft auf ein wachsendes individual-ökonomisches Kalkül zurückgeführt werden.
- Besonders interessant (u. a. angesichts meines anderen heutigen Eintrags) sind die Erkenntnisse zur geforderten Modernisierung in der Lehre. Ein echter Paradigmenwechsel hin zu mehr Projektarbeit und Übungen bleibt nämlich augenscheinlich aus (ebd., S. 14).
- In Bezug auf die Lehre fällt auf, dass sich vor allem diejenigen Nachwuchswissenschaftler über vermehrten Aufwand beklagen, die sich der Modernisierung verschrieben haben. Mein spontaner, erster Eindruck: Neben den Studienstrukturen an sich müsste auch die Anerkennung von Lehre reformiert werden! So kommen auch Jaksztat und Briedis (2009, S. 15) zu dem Schluss: „All dies spricht dafür, dass die im Zusammenhang mit der Lehre erbrachten Leistungen stärker als bisher honoriert werden sollten.“ (ebd.)
- Ein weiteres Thema der Studie ist die berufliche Situation von Nachwuchswissenschaftlern. Dabei wird herausgestellt, dass sie gerade die Planbarkeit ihrer Karriere schlecht bewerten. Kein Wunder, wenn man sich von sechsmonatigen Verträgen zum nächsten hangelt und regelmäßig bei der Agentur für Arbeit aufschlagen muss…
- Neben der fehlenden Planbarkeit bemängelt der wissenschaftliche Nachwuchs seine finanzielle Situation. Auch hier muss ich sagen: Wen wundert’s? Halbe Stellen sind einfach nicht so attraktiv wie hochdotierte Verträge in der Wirtschaft. Auch wenn die Wirtschaft nicht das Heil an sich bringt, muss man die Abwanderung von guten Leuten zur Kenntnis nehmen. Oder umgekehrt: Wer in die Wissenschaft geht, braucht Ideale ;-)
Abschließend wagen die Autoren noch eine Aussage zu den Stellgrößen, die Nachwuchswissenschaftler zum Bleiben bewegen würden: Insgesamt sind die „Möglichkeiten zur fachlichen Qualifizierung und eine adäquate Förderung [...] wesentliche Voraussetzungen für die berufliche Zufriedenheit junger Forscher/innen“ (ebd., S. 20). Darum ist es jedoch schlecht bestellt. Knapp die Hälfte der Befragten ist sich folglich unsicher, ob sie weiter im Wissenschaftsbetrieb beschäftigt sein möchte. Liebe Politik(er), das ist eine erschreckend hohe Zahl. Tu(t) was!
PS: Einige Medien berichten bereits über die Studie, z. B. die TAZ. Die Pressemitteilung der HIS GmbH findet sich ebenso im Netz.
Am Anfang unserer Workshopreihe mit der Hanns-Seidel-Stiftung wurde noch eifrig hinterfragt, was der Titel „Ist die Ökonomisierung der Bildung ökonomisch?“ eigentlich soll. Der eine oder andere hielt ihn für unlogisch oder stilistisch nicht schön. Ich denke, diese Kritik (u.a. von Prof. Kluge) können wir ganz gut verkraften; nach zwei Veranstaltungen hat sich die Namensgebung bereits als guter Diskussionsanker bewährt. Jetzt steht mit dem Thema „Universität“ der dritte und letzte Workshop unserer Reihe ins Haus. Passend zum „Finale“ werden mit Dr. Ludwig Spaenle (Bayerischer Staatsminister für Unterricht und Kultus), Prof. Dr. Dr. h. c. Wolfgang Herrmann (Präsident der Technischen Universität München) und Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Jürgen Mittelstraß (Zentrum für Philosophie und Wissenschaftstheorie, Universität Konstanz) besonders vielversprechende Gäste erwartet. Über den inhaltlichen Schwerpunkt des Abends lässt sich viel spekulieren; ich bin mir allerdings sicher, dass die Bologna-Reform einen großen Bestandteil einnehmen wird. Evtl. ist auch das „neue“ Menschenbild ein Diskussionspunkt, denn hier treffen mit den Professoren Herrmann und Mittelstraß sehr konträre Meinungen aufeinander. Wer sich für die Veranstaltung interessiert, kann sich wie gewohnt gern an mich wenden.
Dass die Bologna-Reform tiefgreifende Änderungen an der Hochschule mit sich bringt, ist nicht neu. Von Beginn an gibt es viele Kritiker an der Reform, allem voran unter Wissenschaftlern und Lehrenden. In der Süddeutschen Zeitung erklärt nun Julian Nida-Rümelin den Bachelor sogar als bankrott, zumindest dann, wenn man ihn an den eigenen Zielen messen würde. Ein spannendes Interview für all diejenigen, die sich intensiv mit der Bologna-Reform beschäftigen und dem Humboldt’schen Bildungsideal etwas abgewinnen können.
Morgen findet endlich die erste w.e.b.Square-Tagung statt – ich hoffe auf viele Gäste, denn erst durch ein großes Plenum mit zahlreichen interessierten Personen geht das Szenario einer „realen“ Konferenz von Studierenden für Studierende auf. Wer sich kurzfristig zum Besuch entschließen sollte, dem sei das Tagungsprogramm ans Herz gelegt, was seit heute online verfügbar ist.
Langsam wird sichtbar, was der Bologna-Prozess bei Deutschlands Studentenschaft bewirkt. Neben positiven Effekten wie mehr Zielorientierung und schnellerem Berufseintritt folgen nun – wie zu erwarten war – auch unerwünschte Effekte. Studierende kommen v.a. mit dem anwachsenden Leistungs- und Prüfungsdruck immer weniger zurecht. Einige Studierende nehmen der Süddeutschen Zeitung zufolge bereits Phychopharmaka, um dem Druck gewachsen zu sein. Ob Humboldt das gewollt hätte?
Gut zu meinem Eintrag von gestern passt ein aktueller Artikel aus der presstige. Das Augsburger Hochschulmagazin stellte u.a. Frank und mir die Frage: Sind die neuen Bachelor-/Masterstudiengänge zeitintensiver? Eine eindeutige Antwort findet sich aus meiner Sicht nicht: Ja, durch das Credit-Point-System muss man viel Zeit für die Uni aufwenden – jede Note zählt. Nein, denn ich habe in meinem Studiengang genügend Freiheiten gefunden, um meinen Interessen nachzugehen. Freiheit ade – oh, ne!

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